Das E-Auto als Powerbank: Jetzt geht es richtig los
MiSpeL: Die „Strommarkt-Revolution“ ist da
Seit Anfang Oktober gilt ein Regelwerk, das lange als „Strommarkt-Revolution“ bezeichnet wurde: MiSpeL (Marktintegration von Stromspeichern und Ladepunkten). Es erlaubt Besitzern von Batterien — auch im E-Auto —, mal Strom aus dem Netz aufzunehmen, mal abzugeben, mal zu verbrauchen oder mit der eigenen Photovoltaik-Anlage zu kombinieren. Die Elektronen haben keine Farbkennung; MiSpeL macht sie trotzdem zählbar.
Das Potenzial ist immens: Auf deutschen Straßen sind bereits rollende Energiespeicher mit einer Kapazität von mehr als 100 Gigawattstunden unterwegs — theoretisch genug, um ganz Deutschland für rund zwei Stunden mit Strom zu versorgen, wenn alles andere ausfällt. Und das, obwohl erst etwa jeder 25. Pkw rein elektrisch fährt.
Zahlen im Blick
> 100 GWh Batteriekapazität in E-Autos auf deutschen Straßen · theoretisch ~2 Stunden Stromversorgung für ganz Deutschland · ~1 von 25 Pkw rein elektrisch · 866 Verteilnetzbetreiber müssen MiSpeL umsetzen · gilt vorläufig ein Jahr, bis 30. September 2027.
Kurz vor Inkrafttreten: Die Regeln wurden umgeschrieben
Der erste Entwurf war bei der Branche auf massive Kritik gestoßen — Proteste unter anderem von BMW-Chef Herbert Diess führten dazu, dass die Bundesnetzagentur das Regelwerk kurz vor Inkrafttreten weitgehend neu formulierte. Zwei Punkte, die für Ladefahrzeuge praktisch relevant sind:
- Einzähler statt Doppelzählung: Die doppelte Zählervorgabe wurde ersetzt — genügt jetzt der einzelne Zähler am Ladepunkt (bzw. beim Solaranlagenbesitzer der Hauszähler).
- Indifferenzbereich halbiert: Die Zone, in der es weder garantierte Einnahmen für Ökostrom noch Befreiung von Netzentgelten für die Rückspeisung gab, wurde mehr als halbiert. Das macht den wirtschaftlichen Betrieb attraktiver.
MiSpeL gilt vorläufig ein Jahr — bis 30. September 2027 — und unter dem Vorbehalt, dass die Netzbetreiber bei der Vereinfachung mitmachen.
Die größte Hürde: 866 Verteilnetzbetreiber
Das Konzept funktioniert nur, wenn alle 866 Verteilnetzbetreiber es reibungslos umsetzen. Das warnt Bastian Gierull, Deutschlandchef bei Octopus Energy: „Die Behörden, die jetzt mehr klug als korrekt handeln müssen“ — das klingt nach Respekt, aber wenig Vertrauen auf den ersten Anlauf.
Octopus Energy betreibt in Großbritannien bidirektionales Laden bereits als kommerziell nutzbares, dezentrales Kraftwerk. In Deutschland hat das Unternehmen einen Tarif gemeinsam mit Ford gestartet und weitere Partnerschaften aufgebaut. Für LadeGuide heißt das: Die Infrastruktur für V2H und V2G ist technisch fertig — was fehlt, ist die Umsetzung im Netz .
Was das für dich bedeutet
MiSpeL ist keine Wallbox-Funktion, sondern ein Netzzugang: Damit dein E-Auto ins Netz einspeisen darf, musst du wissen, wie dein Verteilnetzbetreiber das abwickelt, wie dein Zähler aufgebaut ist und ob dein Anbieter einen Tarif dafür anbietet. Wer heute sein Ladepunkt-Konzept prüft, sollte die Frage „Lade ich nur — oder speise ich auch ein?“ schon jetzt miteinplanen.
Die ehrliche Frage am Ende — Auto fahren oder Akku „verbrauchen“?
Wenn MiSpeL läuft, hat dein E-Auto zwei Jobs gleichzeitig: erstens fährt es, und zweitens ist es dein Stromspeicher. Die 100 GWh auf deutschen Straßen sind keine Zukunftsvision — die Fahrzeuge fahren seit Jahren durchs Land, die meisten Akkus davon bleiben energetisch ungenutzt.
Mein Eindruck: MiSpeL ist der Moment, in dem das E-Auto endgültig aus dem Fahrerkabinen-Denkmodell herausrutscht. Wer heute Wallbox und Ladekonzept plant, sollte die Rückfrage ernsthaft beantworten:
Wollt ihr euer Auto fahren — oder den Akku zu Hause „verbrauchen“?
Für einen E-Auto-Fahrer mit PV-Anlage ist die Antwort schon heute „beides“ — nur dass sie bisher nicht wirtschaftlich zusammenpasste. MiSpeL macht jetzt den Hebel frei. Ob es im ersten Jahr läuft, hängt nicht von der Technik ab, sondern davon, ob 866 Netzbetreiber mitziehen.